„I think for him, in many ways, ‚Mass‘ was really his life-statement“ beschreibt Alexander Bernstein das Werk seines Vaters. Tatsächlich wird dieses in breiten Kreisen als Opus Magnum des bedeutenden Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein angesehen. Mit ihrem kritischen und satirischen Charakter ist die „Mass“ aber auch eines der am missverstandensten Werke Bernsteins.

Grenzen abbauen

Von der Prägnanz des Titels darf man sich nicht täuschen lassen – „Mass“ ist keine gewöhnliche Messe. Mit dem Untertitel „Theaterstück für Sänger, Instrumentalisten und Tänzer“ bietet sie eine höchst ungewöhnliche Einbettung für die lateinische Liturgie der römisch-katholischen Kirche. Es werden hier zwei in der Geschichte oft feindselige Schauplätze – Kirche und Theater – zusammengebracht.

Ebenso werden Gattungen vereint, die nach herkömmlichem Verständnis unvereinbar sind. Besonders die Auflösung der Unterscheidung von E- und U-Musik wirkt innovativ; Für Bernstein hingegen ist sie natürlich: Egal welches Genre man betrachtet, es handle sich immer um Musik. So verbindet er in „Mass“ Jazz, Blues und Rock mit klassischen und symphonischen Parts. Diejenigen, die Bernstein als West Side Story Komponisten feiern, kommen ebenfalls nicht zu kurz, schließlich findet auch der Broadwaystil Einzug. Das Spektakel „Mass“ wurde sogar schon als Musical über eine Messe bezeichnet. Und wenn du denkst, es geht nicht mehr mehr, kommt von irgendwo auch noch Zwölftonmusik daher. Kaum zu glauben, doch Leonard Bernstein schafft es, all diese scheinbar gegensätzlichen Stile zu einem Gesamtwerk zu vereinen.

Geballte musikalische Kraft

Dazu ist natürlich eine Bandbreite an Musiker*innen vonnöten. Das Orchester (in unserem Fall das Sinfonieorchester der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien) wird durch E- und Bassgitarre, Keyboards, Drumset und Saxofone ergänzt. Drei Chöre – ein Kinderchor (Opernschule der Wiener Staatsoper), ein gemischter Chor (Neuen Wiener Stimmen, coro siamo), sowie der kleinere Street Choir (Gesangsstudierende der MUK), stehen auf der Bühne.

Die beiden Chöre coro siamo und Neue Wiener Stimmen bei einer gemeinsamen Probe

Nicht zu vergessen ist der Zelebrant (Adrian Eröd), der führende Solopart in „Mass“. Als kritischer Mensch habe Bernstein sich selbst in sein Werk eingeschrieben – so wird der Zelebrant oft als Alter Ego Bernsteins vermutet. Für Bernstein repräsentiert er Qualitäten wie Glaube, Hoffnung oder Erwartung.

Wer kann heute noch glauben?

Mit seiner Gemeinde feiert der Zelebrant eine Messe, die zusehends gestört wird – besonders durch die Rock- und Bluessänger*innen des Straßenchors. Sie hinterfragen Gott sowie den Glauben an ihn und revoltieren gegen die bestehende kirchliche Ordnung:

„Herr, merkst du nicht, dass die Welt am Ende ist? Manchmal möchte ich schwören, dass du das so geplant hast.“

Unter anderem wird das Gloria in Excelsis aufgebrochen – Während der vierstimmige Chor im Fortissimo Lobpreisung singt, antworten die Zweifelnden in Jazzrhythmen mit:

„Eine Hälfte des Volkes ist bekifft, die andere Hälfte wartet auf die nächste Wahl. Eine Hälfte des Volkes ist ertrunken, die andere Hälfte schwimmt in die falsche Richtung. Das nennen sie ein herrliches Leben, und du, wohin führt dich das, dich und deinesgleichen?“

Schließlich wird der Schlagabtausch zwischen Gläubigen und Kritiker*innen im Akt der Kommunion auf einen Höhepunkt getrieben – Im Agnus Dei, von dem man in gewöhnlichen Messen eher liebliche Töne gewöhnt ist, steigt nun auch der gemischte Chor in Rocksounds ein. Trotz ist nicht zu überhören. Auch der Zelebrant kann nicht mehr hinter seinem Wort stehen: „Oh… Wie leicht gehen Dinge zu Bruch.“ An diesem Punkt bleibe es laut Bernstein nun jedem selbst überlassen, einen neuen Glaubenskeim in sich selbst zu finden.

Großer Saal des Musikvereins (c) Wolf-Dieter Grabner

„Mass“ ist in seiner Vielseitigkeit überwältigend mitreißend. Zugleich werden Themen hinterfragt, die von hoher Aktualität sind. Mit der meisterhaften Zusammenführung unterschiedlichster Musikstile hat Bernstein ein herausragendes Werk geschaffen, das allerdings den Nachteil einer sehr aufwendigen Bühnenlogistik hat. Die seltene Gelegenheit, „Mass“ im Großen Saal des Musikvereins zu erleben, sollte man sich also keinesfalls entgehen lassen. Dafür sind noch Stehplatzkarten verfügbar, außerdem gibt es die Möglichkeit, die Generalprobe zu besuchen.

 

22.11.2018, 19.30: „MASS“ im Großen Saal des Musikvereins

22.11.2018, 10.00: Generalprobe „MASS“ im Großen Saal des Musikvereins

Infos und Tickets

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